Auch mit Traktor ist nicht jeder ein guter DJ

17 05 2010

Als Reaktion auf mein Review zum Native Instruments Traktor Kontrol X1 hat insbesondere die Möglichkeit des recht einfachen Beat Syncs von Traktor eine echte Kontroverse ausgelöst. Die Puristen und Hardliner sehen die Kunst des DJings gefährdet und beschimpfen belächeln digitale DJs müde. Die Kids von heute morgen, die Vinyl nur vom Foto kennen und mit MP3 aufgewachsen sind ist die digitale Technik so selbstverständlich wie MP3s nicht bei Beatport zu kaufen. Aber was macht ein DJ überhaupt?

Vorallem aufgrund der Tatsache, dass viel Übung dazu gehörte, war das Angleichen zweier Platten die längste Zeit Brot & Butter eines DJs. Abgesehen von Turntablism Künstlern und Performern galt man allein durch perfektes Angleichen schon als guter DJ. Konnte man dann noch einige Tricks mit EQ und Fadern des Mixers oder gar Performer-Tricks wie Spielereien mit der Masseschraube, so sah es noch sonniger aus. Auch die hohen Kosten für gutes Equipment taten ihren Teil dazu – kreatives Potential auf riemengetriebenen Turntables zu entdecken war so gut wie unmöglich. Zum DJ gehört jedoch mehr: Erfahrung. Erfahrung bei Gigs, Erfahrung sich auf’s Publikum einzustellen und Erfahrung in der Musikauswahl. Nur weil zwei Tracks 128 BPM haben passen sie noch lange nicht zueinander. Zum Handwerk gehört folglich auch das Durchhören von Promos und neuen Tracks, eine gelungene Auswahl für einen gelungenen Abend und die Flexibilität sich auf die Stimmung des Publikums, der Location und des Anlasses einstellen zu können. Ganz zu schweigen von den technischen Widrigkeiten und seltsamen Soundstilen seiner Vorgänger ;-)

Aber ähnlich wie die Demokraitisierung im Producing, wo dank Software und VST nahezu jeder einen ordentlichen Sound hinlegen kann, demokratisiert die zunehmende Digitalisierung des DJings auch diese Sparte zunehmend. Controller kosten deutlich weniger als zwei Technics Turntables oder Pioneer CD Decks, dank Traktor ist das Angleichen per Mausklick erledigt. Ich stelle die mutige These auf, dass trotzdem nicht jeder Hinterhof DJ plötzlich zum Talent wird, sondern sich im Gegenteil die Spreu vom Weizen sogar noch deutlicher trennt. Warum?

Gerade weil auf das blosse Angleichen zweier Titel nicht mehr die meiste Zeit entfällt, wird die kreative Arbeit mit der Musik im Mix wichtiger werden. Loops, Samples, Hotcue Marker – die digitale Technik ermöglicht durch automatisches Quantisieren und Angleichen viel mehr Spielraum für kreatives Arbeiten. Hier wird es eine deutliche Trennung geben zwischen denen, die nur zwei Tracks ineinanderlaufen lassen – dank DJ Software kein wirkliches Problem – und denen, die mit den gegebenen Möglichkeiten etwas kreatives, neues Schaffen. DJ Sets werden interessanter, weil nicht jeder den Zugriff auf die gleiche Musik hat, sondern die Grenze zwischen Live Künstlern und Mix-DJs zunehmend verwischt. Das Publikum wird anspruchsvoller werden und das fordern. Diejenigen, die Musik aus Leidenschaft performen und deshalb mit ihr arbeiten, werden auch mit digitaler Technik die Nase vorn haben.

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2 Antworten zu “Auch mit Traktor ist nicht jeder ein guter DJ”

17 05 2010
TE (20:07:45) :

Ich stelle weiterhin die Behauptung auf, dass auch mit Sync Button noch lange kein guter Übergang gelingt. Dazu ist die Beaterkennung zu oft noch ungenau (man denke nur an Drum’n'Bass oder an verspulte Tracks) und auch das Beatraster (wo ist der erste Schlag) verkennen die Programme allzuoft.
Ich habe ja schon seit jeher digitale Technik und oft genug Sync Buttons gesehen und nicht einmal diese Dinger ernsthaft benutzt.
Andererseits finde ich die BPM Erkennung ganz nett, so kann man zumindest schonmal grob angleichen bzw. allein vom Speed her gucken, was zusammen passen könnte. Das letztliche Angleichen und Reinmixen passiert immer noch per Gehör.
Und: Erst die Takterkennung macht kreatives Loopen möglich. (Hand aufs Herz: Wie oft gelingt ein von Hand gesetzter Loop der mehr als 4 Wiederholungen übersteht ohne ausnanderzulaufen)

Fazit: Man sollte sich bei der Diskussion vinyl vs. digital nicht aufs aAngleichen versteifen. Das ist beim Vinyl letztlich auch nur Übungssache und macht noch lange keinen guten DJ aus.

13 10 2011
Lyrc (20:12:49) :

Ich lege seit 2 Jahren Digital auf. In einer Bar für einen Freund und des öfteren auf Geburtstagen. Hab noch nie mit Vinyl aufgelegt und benutze zum Teil sync.
Ich bin dankbar für diese Technik, aber kann alte DJ-Mogule sehr gut nachvollziehen. Jedoch lässt mir das digitalauflegen ausreichend Freiraum um wirklich sehr schöne kreative Mixe hinzubekommen.

Schade um Vinyl aber großartig für Neues.